Artikel
0

Offener Brief an Johanna Findeisen, weil sie am Sonntag weggesperrt wurde.

Artikel anhören
Vorlesefunktion
—:—
Offener Brief an Johanna Findeisen, weil sie am Sonntag weggesperrt wurde.

Liebe Johanna,
gestrandet zwischen Frankfurt und dem Bodensee mache ich mir heute, am Sonntagabend, dem 21. September 2025, diese Gedanken:

Eine in die Jahre gekommene wehe Schulter, und ein noch sehr junger Hund wollten nach 550 Kilometern ausruhen. Hier an dieser Stelle ein großes Dankeschön an den ”Katzenmann”, der sich so liebevoll um mein Hündchen gekümmert hat, während ich vor dem Stacheldraht gesprochen habe. Auf der Rückfahrt goss es aus Kübeln, es hatte schon in Frankfurt damit begonnen. Und der Himmel weinte dazu.

Nun sitze ich hier im vermutlich kleinsten Hotelzimmer der Welt in Baden-Baden und denke, nach so einer besonderen Rede, habe ich gut gesprochen? Vor allem, hast Du es gehört? Was habe ich vergessen? Was hätte ich noch sagen wollen? Konnte ich etwas von dem ausdrücken, was mich bewegt? Habe ich die anderen Teilnehmer mit meinen Worten berührt?

Vor den Gefängnismauern, an diesem Ort der Hoffnungslosigkeit und der schieren Tristesse, fehlen auch mir die Worte. Dazu kommt die allgegenwärtige Vorsicht bloß nichts zu sagen, was Dir, oder mir oder der Veranstaltung schaden könnte. Der unterdrückte Zorn deswegen, und die große Traurigkeit kommen zur Anspannung hinzu.

Es ging trotzdem.

So vieles bleibt dennoch ungesagt und ich blicke in die Gesichter der Menschen, die da sind. Ein jeder beschäftigt mit dem, was gerade in ihr oder ihm vorgeht. Im Schatten dieser hohen Mauern wird allen das Herz schwer- und das ist greifbar. Mut wollen wir Dir machen, und haben doch Angst um Dich.

Die Unerreichbarkeit, das Getrenntsein, die Ohnmacht, alles das manifestiert sich im Stacheldraht auf diesen hohen Mauern, und schnürt einem fast die Kehle zu.

Es tut gut etwas zu tun, denn alle gemeinsam müssen wir aushalten, dass Du nicht bei uns bist, und wir nicht zu Dir kommen können. Die Leidtragende bist Du. Laut das Stakkato der Trommeln, eindringlich der Klang der Trompete, immer wieder skandieren wir: ”Freiheit für Johanna”, ”Freiheit für die politischen Gefangenen”. Wir singen ”Happy Birthday, liebe Johanna”- wo soll das Glück sein an einem Ort wie diesem?

Ich habe im Angesicht der Gefängnismauern der JVA Frankfurt von dem einen Ort gesprochen, der nur Dir allein gehört. Ein Ort, der jedem Wesen innewohnt und den nur betreten kann, wen Du hineinlässt. Ein Ort, den niemand zerstören kann. Es ist dieser Ort tief im Herzen, wo der göttliche Funke in jede Seele eingepflanzt ist. Dahin ziehen wir uns zurück, wenn das Außen zu dunkel ist, und genau dort leuchtet dann ein Licht.

Die Dunkelheit vermag nicht den Schein einer Kerze zu schlucken, aber eine Kerze bringt Licht in die Dunkelheit.

Das ist, was ich meinte, dieses Licht ist, was ich Dir wünsche. In der Trostlosigkeit Deiner Unfreiheit, ja auch da glimmt der Funke und scheint Dir dieses Licht.

”Lights on, Rats out”, zitierte ich Julian Assange. Das milde Licht eines schönen Tages wollten wir Dir bringen, an diesem Sonntag, dem letzten Tag des Sommers. ”Ratten” steht auch exemplarisch für die Ungerechtigkeit, die Dir widerfährt. Denn in den dunklen Ecken treiben die Ratten ihr Unwesen, so ist es wohl gemeint. Aber ”Lights” steht auch für den Scheinwerfer, den wir auf Dich gerichtet haben. ”Sie” sollen wissen, dass wir ”sie” beobachten- und alles an die Öffentlichkeit zerren, was ”sie” gerne abseits der Gerechtigkeit Dir, liebe Johanna, antun. ”Lights”, also das Licht richten wir auch weiterhin auf diesen absurden Prozess, dessen schiere Langatmigkeit uns den Atem raubt. Das ist, was Julian Assange meinte, wir brauchen die Öffentlichkeit, um die Ungerechtigkeit sichtbar zu machen. Daran arbeitet stattzeitung.org tagtäglich.

Von der Wärme sprach ich, der Wärme der Sommersonne, der Wärme der Mitmenschlichkeit- dafür stand jeder Einzelne, der nach Frankfurt gekommen war.

Wir schenkten Dir unsere Zeit und würden die Zeit doch so gerne zurückdrehen auf den 22. Mai vor zwei Jahren und die Geschichte neu schreiben. Du würdest niemals eingesperrt. Wir wären heute nicht hier.

Johanna, uns ist mit Dir bang, denn wir wissen nicht, wie oft wir noch wiederkommen müssen. Nichts ist sicher in diesem scheinbar so sehr willkürlich gewordenen Land. Doch etwas ist sicher: Wir werden so lange wiederkommen, Dir Beistand leisten, den Verantwortlichen auf die Pelle rücken, bis das Tor sich öffnet- und wir werden Dich abholen, und in unsere Arme schließen.

Halte durch. Du bist nicht vergessen. Du bist nicht allein!

Ich werde weiter gegen das Unrecht anschreiben, meine ”Waffe” ist das Wort- und ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Wind sich dreht, für Dich- für uns alle.

Stef Manzini

PS: Nachträglich haben wir erfahren, dass Johanna daran gehindert wurde, das ihr dargebrachte Geburtstagsständchen zu hören. Für weitere Darstellung verweisen wir auf den Artikel vom 8. Oktober, in dem wir Findeisens Verteidiger Prof. Dr. Martin Schwab mit seiner Darstellung zitieren (siehe Macht sich der Rechtsstaat schuldig beim “Fakeprozess Reichsbürger”?). Diese unverhohlene seelische Grausamkeit ist schockierend.

Ein Sonntag im Schatten der Gefängnismauern

Am 21. September 2025 um 14:45 Uhr versammelten sich rund 64 Personen zu einem ”Aufzug mit Ständchen” vor der Justizvollzugsanstalt in Frankfurt am Main.

Anlass war der 55. Geburtstag von Johanna Findeisen, die bereits ihren dritten Geburtstag in Untersuchungshaft verbringt. Es waren dies auf den Tag 21. September 2025 genau 853 Tage oder 20.472 Stunden, in einem Prozess der nicht enden will. Die dreifache Mutter, Inklusionsarbeiterin, und Politikerin der Partei ”die Basis”, ist des Hochverrats und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt, und befindet sich seit dem 22. Mai 2023 in Untersuchungshaft. Im ”Mammutprozess” der fälschlicherweise oft als ”Reichsbürgerprozess” betitelt wird, sitzen in Frankfurt insgesamt 26 Angeklagte, unter ihnen Heinrich XI. Prinz Reuß, Maximilian Eder, Birgit Malsack-Winkemann, und weitere. Von den über 200 bestellten Zeugen der Anklage sind bisher nach neun Monaten Prozessdauer erst 20 Personen vernommen worden. Bisher nicht vorgelegt wurden seitens der Generalbundesanwaltschaft stichhaltige Beweise für die Schuldhaftigkeit der Friedensaktivistin Johanna Findeisen. stattzeitung.org begleitet den ”Fall Findeisen” von Anfang an und hat zahlreiche Artikel dazu veröffentlicht. Nachzulesen sind diese (Links) am Artikelende, ebenso eine Chronologie zum ”Fall Findeisen.

Die ”Friedens- und Freiheitsbewegung Pforzheim” um Andrzej Szubert hatte den Protestaufzug am 21. September ordnungsgemäß angemeldet. Schon zum zweiten Mal fand diese denkwürdige und äußerst eindrückliche Versammlung im Schatten der mit Stacheldraht bewehrten Gefängnismauern statt. In Fahrgemeinschaften waren auch rund 15 Personen aus dem Bodenseekreis und Ravensburg nach Frankfurt gekommen. Die Parteifreunde von ”der Basis Baden-Württemberg” waren für die Parteifreundin Findeisen an diesem Tag auch in Frankfurt, und hielten eine kurze Ansprache.

Stef Manzini von stattzeitung.org leistete einen Redebeitrag und zitierte in ihm Julian Assange ”Lights on. Rats out.” Zu sehen ist dieser Beitrag in den Videomitschnitten am Ende dieses Artikels.

Johanna Findeisen wurde jedoch zielgerichtet daran gehindert, die Beistandsbekundungen und die an sie gerichteten Geburtstagsgrüße wahrzunehmen.

Wieder einmal ”glänzt” die JVA Frankfurt mit unverhältnismäßiger und schikanöser Härte. Die Verantwortlichen geben kein gutes Beispiel für Mitmenschlichkeit, immer im Lichte dessen, dass Johanna Findeisen bisher ”lediglich” in Untersuchungshaft sitzt.

Mit Trommlern, Geburtstagsliedern, einem Ständchen mit Trompete und Wortbeiträgen und einem langen Gang um die JVA grüßten die Demonstranten Johanna Findeisen und ihre Mitgefangenen- und drückten in der rund zweieinhalbstündigen Veranstaltung ihren Protest gegen den Prozess insgesamt, und auch gegen die schikanösen Haftbedingungen aus. Bitte zeichnen Sie dazu die Petition folter-nein-danke.eu.

Hier geht es zu den Videobeiträgen von Marco Ligon ”Zeitzeuge M” und Helge Spunkt ”Spunktnews”, die beide vor Ort in Frankfurt mit dabei waren, und uns diese Beiträge freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

Unterstützungsmöglichkeiten

Spenden
Kontoinhaber: Marc Brodbeck
IBAN: DE24 6906 1800 0061 4091 06
Bank: Volksbank Überlingen
Verwendungszweck: “Schenkung Treuhandfonds Rechtsverfolgung Johanna Findeisen 30741”

Unterschreiben
www.folter-nein-danke.eu

Zur Chronologie des Falles "Johanna Findeisen"

Lesen Sie zum Fall Findeisen die bisherigen Publikationen:

Zurück zu allen Artikeln

Kommentare

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

stattZEITUNG.net ist leserfinanziert. Ohne Ihre Unterstützung gibt es diese Arbeit nicht.

Jetzt unterstützen