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Entsetzen entzaubert Fröhliche Weihnacht.
”Ich wünsche uns allen ein friedvolles Neues Jahr, und keine Katastrophen”, schrieb ich auf meine Weihnachtskarten, die ich gestern Vormittag in den Briefkasten steckte. Dieser fromme Wunsch sollte nicht einmal bis zum Abend halten. Denn auf dem Rückweg vom Weihnachtskonzert des Madrigalchors, in der Überlinger Franziskanerkirche, mit dem Titel ”Gaudete” (Freut euch!) platzte die Schreckensmeldung aus Magdeburg. Fünf Tote und mehr als 200 Verletzte kostete die Bluttat eines Wahnsinnigen, der mit einem PKW mitten in die Menschen des Weihnachtsmarktes fuhr. Schrecklich!
Schnell flutete sich das Netz mit Spekulationen über die Herkunft des Täters, und Schuldzuweisungen. stattzeitung.org beteiligt sich bewusst nicht vorschnell an übereilten Meldungen, ”es war ein Syrer”, gell Herr Sellner, noch veröffentlichen wir aus Respekt vor den Opfern Videos des grauenhaften Verbrechens. Sicherheit geht uns vor Schnelligkeit. Das gilt auch in so dramatischen Momenten.
Wie schnell wurde aus dem ”Freuet euch” beim Konzert ein ”Oh Gott, schon wieder”, und Erinnerungen an den Berliner Breitscheidplatz waren geweckt.
Wilde Spekulationen bringen uns aber eben sowenig weiter, wie blanker Hass auf Ausländer, auch wenn der mutmaßliche Täter wieder aus einem anderen Kulturkreis, aus Saudi-Arabien, kommt. Er soll Arzt sein, also ein Mensch, der Leben rettet. Nun hat er Leben genommen, und wird sich verantworten müssen dafür. Noch ist unklar, was die Bluttat für einen Hintergrund hat, aber es gibt keine Erklärung, keine Rechtfertigung für dieses Verbrechen. So befremdlich wie die schnellen Netzkommentare war für mich die Einschätzung von Dr. Hans-Jakob Schindler vom Counter-Extremism-Project-Berlin, der in einem ”Heute-Spezial” um 21.15 Uhr bei der Frage nach extremistischer Gefahr als Erstes davon sprach, dass die Gefahr durch Rechtsextremismus hoch sei. Was soll das? Wann genau hat ein Rechtsextremist einen Weihnachtsmarkt überfallen? Ich habe selten so einen Blödsinn gehört. Aber ich bin dennoch besorgt, wann sich die Wut und das Entsetzen über einen derartigen Anschlag dreht, und wahllos gegen Migranten richtet. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das steht auch in der Bibel.
Heute auf dem kleinen Weihnachtsmarkt in meiner Stadt patrouillierten Polizisten auf der Straße. Ich fragte: ”Seid ihr hier wegen gestern?”, ”auch” antworteten sie. Das soll den Menschen ein kleines bisschen Sicherheit schenken, wissen wir doch in Wahrheit alle, dass es diese Sicherheit nicht gibt.
Das Ziel, ein Weihnachtsmarkt, kann ein Verbrechen gegen den christlichen Glauben sein, obwohl längst nicht nur Christen Weihnachtsmärkte besuchen. Es muss immer auch die Absicht sein, möglichst viele Menschen zu töten.
Wie gehen wir damit um? Nein, es ist kein unbeschwertes Weihnachten 2024, denn wieder hat uns ein grauenhaftes Verbrechen daran erinnert, dass es Unbeschwertheit eigentlich gar nicht mehr gibt. Wie feiern wir das Fest der Freude über die Geburt des Herrn, wenn wir an die Opfer und Hinterbliebenen in Magdeburg denken? Wie begegnen wir Männern mit fremdländischem Aussehen, die uns in Fußgängerzonen komisch vorkommen? Wie trauern wir angemessen um die Opfer des Attentats?
Fragen über Fragen, auf die ich keine schnellen Antworten habe. Ich bin erschrocken, zornig, traurig- und vor allem sehr ratlos.
”Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen” bleibt die Weihnachtsbotschaft, die am gestrigen 20. Dezember 2024 in Magdeburg ein Ende in der grausamen Realität fand.
Ich will versuchen in der Geburt eines Kindes in der Krippe, das ein Versprechen auf ein ewiges Leben auf unsere Erde brachte, ein wenig Trost zu finden. Mehr geht gerade nicht. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt den Opfern des Anschlags und ihren Hinterbliebenen, den Menschen, die im Krankenhaus noch um ihr Leben ringen und allen Menschen in Magdeburg.
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