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7. Oktober. Quo Vadis?
Die Frage, ob das Massaker der Hamas an den Israelis vom 7. Oktober einen in Teilen als ”Vernichtungskrieg” Israels an den Palästinensern zu bezeichnenden Dauerbeschuss Gazas und des Libanons rechtfertigt, ist für mich eine der schwierigsten Fragen überhaupt.
Alles ist schwierig in diesem Zusammenhang, ganz besonders von der Seitenlinie betrachtet. Ganz besonders aus Deutschland. Israel verteidigt sich. Es wurde angegriffen, das ist Fakt. Die Demonstrationen für Humanität und ”Pro Palästina” an diesem Wochenende in Deutschland, und die Forderung nach einem sofortigen Ende der Angriffe der israelischen Armee, die allzu oft Zivilisten treffen, sind auch schwierig. Demonstrationen, die immer wieder in den Schlachtruf ”From the River to the Sea”- also die Vernichtung des israelischen Staates ausarten, sind nicht hinnehmbar, und wurden offenbar vom massiven Polizeiaufgebot unterbunden. Diese Kampfansagen sind unerträglich, und die Tatsache, dass Hamas, Hisbollah, Huthis und auch der Iran gemeinsam seit Jahren Bomben auf Israel feuern, darf nicht ausgeblendet werden.
Eine Demonstration für das Menschenrecht auf Frieden ganzer Zivilgesellschaften ist aber nicht automatisch antisemitisch. Auch daran darf kein Zweifel bestehen. Leider gelingt es unserer Gesellschaft nicht nur bei diesem Thema immer weniger, uns differenziert zu solidarisieren.
Dennoch, die 101 israelischen Geiseln sind nicht befreit, die Hamas ist nicht vernichtet, die israelischen Bürger können nicht in den Norden des Landes zurückkehren. Dies ist die Bilanz nach einem Jahr Krieg im Gaza. Zu dieser Bilanz gehören zerstörte Bunker- und Waffensysteme, und getötete Anführer der Terrormilizen unbedingt dazu. Und tausende toter Menschen, und das sind bei weitem nicht alles Kämpfer.
Der ”Pager-Angriff”, also die zu Sprengfallen umgebauten Funkgeräte, die an den Gesichtern der Terroristen explodierten, zeigten, mit welcher Präzision die israelische Armee in der Lage ist zu operieren. Mit Staunen und vermutlich auch mit einer gewissen Faszination wurde die Welt Zeuge einer Eliminierung, die in dieser Zielgerichtetheit und so flächendeckend wohl noch nie stattgefunden hat. Auch hierbei wurden unschuldige Männer, Frauen und Kinder getroffen- das konnte diese Art der Kriegsführung nicht verhindern. Kollateralschäden nennt man das. ”Collateral Murder” heißt das Wikileaks-Video, das Kriegsverbrechen in Form von Helikopterbeschuss auf Zivilisten in Bagdad im Jahr 2007 zeigte. Auch im Nachgang zum ”Pager-Angriff” werden Gerichte, falls angemessen, verurteilen müssen. Journalisten, die darüber berichten, sollten nicht dafür eingesperrt werden, denn die Welt hat ein Recht darauf, das zu erfahren. Journalismus ist kein (Kriegs-)Verbrechen.
Der Internationale Gerichtshof für Menschenrechte (IStGH) in Den Haag verurteilt das Vorgehen der israelischen Armee unter Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Joaw Galant insgesamt. Die Manipulation von Kleingeräten (Pagern) verstößt beispielsweise auch gegen die Konventionen. Die israelische Regierung lässt das unbeeindruckt, die Stellungnahmen der UN-Generalversammlung in New York vor ein paar Tagen empfinden die israelischen Spitzenpolitiker als infam. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, handelte sich mit seiner Linie gegen die seiner Meinung nach menschenverachtende Kriegsführung gar ein Einreiseverbot nach Israel ein.
Was erdreisten wir uns eigentlich so gegen Israel vorzugehen, sagte mir vor kurzem eine Freundin, die im Ausland lebt. Wir könnten doch froh sein, dass die Israelis dieses ganze Terroristenpack jetzt endlich erledigen würden. Welche Frachter beschießen denn die Huthi-Rebellen, und welchen Schaden richten sie damit auch in unseren Lieferketten an?, argumentiert sie. Außerdem lebte das israelische Volk seit Jahrzehnten in ständiger Angst und Schrecken, und wir dürften einmal nicht vergessen, dass militante Islamisten auch in unseren Ländern eine immer größere Bedrohung würde, ereiferte sich meine Gesprächspartnerin. Steht uns das israelische Volk, wenn damit auch nicht gleich alle Ultra-Orthodoxen-Juden gemeint sein müssen, schon aufgrund des Zusammenlebens vor- und natürlich wegen der schrecklichen ”Shoa” näher, als die vielen tausenden zugezogenen und in Deutschland lebenden Iraner, Iraker, Libanesen?
”Queer for Palastine” stand auf Fahnen in Regenbogenfarben bei ”Free Palestine” Demonstrationen in Berlin und anderswo. Ich dachte mich tritt ein Pferd. Wissen denn die schwul-lesbischen Fahnenträger nicht, dass gerade sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in genau den Gebieten und genau von den dortigen Akteuren gesteinigt oder aufgehängt würden, für deren Freiheit sie jetzt eintreten? Im demokratischen Israel blieben sie unbehelligt, dort gilt Freizügigkeit. Also, was macht uns gemein mit Palästina? Die humanitäre Katastrophe, die Israel zweifelsfrei in den genannten Gebieten anrichtet? Der Zweck darf niemals die Mittel heiligen, möchte man eilig rufen. Ist das so? Die grauenhaften Szenen, die sich vor einem Jahr in den Kibbuzen und auf dem Musik-Festival abgespielt haben, können gar nicht im Detail wiedergegeben werden, ob ihrer Grausamkeit. Die Täter dieser Verbrechen werden von Teilen der Zivilgesellschaft im Libanon als Märtyrer verehrt und mitten unter ihnen beschützt. Dieser Taktik fallen jetzt bei den Bombardements der israelischen Armee auch unzählige Männer, Frauen und Kinder zum Opfer, die diese Terroristen gar nicht beschützen wollen. Wen trifft die Schuld am Tod der Zivilisten? Um sie zu schonen, müsste die Hisbollah die Waffen strecken. Teile der Palästinenser verurteilen dieses Verbrechen vom 7. Oktober an den Juden, genauso wie Teile der Juden überall auf der Welt den andauernden Beschuss der Palästinenser verurteilen.
Kann man also für das Existenzrecht Israels und die Unversehrtheit seiner Bürger sein? Ein klares ”Ja”. Kann man verstehen, dass dieses Land sich wehrt, ja sogar Rache nimmt? Ein klares ”Ja”. Kann man dafür sein, das Israel und die Hisbollah sich auf eine Waffenruhe verständigen, um eine humanitäre Katastrophe zu beenden? Ein klares ”Ja”. Ist ein ziviles palästinensisches Opfer weniger wert als ein toter Israeli? Ein klares ”Nein”. Müssen massenhaft zivile Opfer in Kauf genommen werden, um alle Terroristen zu töten? Hier wird es sehr schwierig, denn das bringt uns in unserer Ratlosigkeit zuletzt zu der alles entscheidenden Frage:
Quo Vadis?
Wie also soll es weitergehen zwischen den Israelis und den Nachbarn, diese Frage stellt sich auch in Bezug Ukraine-Russland. Ja, die Nachbarschaft ist weder wähl- noch austauschbar.
Im Jahre 625 änderte der Prophet Mohamed die Blickrichtung bei den Gebeten von Jerusalem nach Mekka, und löschte ganze Teile der jüdischen Bevölkerung aus. Das war vor 1.399 Jahren.
Irgendwann muss es irgendwie irgendeinen Ansatz geben, dass Frieden wird auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen. Auch im Nahen Osten.
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