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"Wir sind keine Mäuse und wir essen auch keine Würmer", die AfD in Rottweil.

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"Wir sind keine Mäuse und wir essen auch keine Würmer", die AfD in Rottweil.

"Wir sind keine Mäuse und essen auch keine Würmer. Frau von der Leyen essen sie ihre Mehlwürmer selber." Dieser Satz, ausgesprochen vom AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla sorgte zwar für Lachen, aber er traf exakt den Nerv des Publikums in der "proppevollen" Stadthalle in Rottweil. Damit sprach der gebürtige Sachse genau die Sprache, die man im Schwarzwald hören wollte. "Wir sind die Alternative, auch bald für Europa", war sich der Politiker mit der schnellen Zunge sicher.

Rottweil, die Stadt des "Narrensprungs" wurde an einem Donnerstag, dem 29. Juni zum Schauplatz von rund 1.600 Menschen, deren Positionen unterschiedlicher nicht sein könnten. Draußen vor der Stadthalle nahezu das gesamte Spektrum der politischen Parteien, "Omas gegen Rechts", und alle, die gekommen waren, um gegen die "Rechten" zu demonstrieren. Die Naturfreunde waren auch bei den Gegendemonstranten, sie hätte man wohl mutmaßlich eher in der Halle verortet, ging es dort doch immer wieder um Traditionen, das schöne Heimatland, und die "Überfremdung". "Deutschland ist bunt", forderten die Demonstranten. Deutschland soll vor allem Deutschland bleiben, akzentuierten die Redner der Alternative für Deutschland, drinnen in der Halle, mit gleich zwei der populärsten AfD-Politiker, Höcke und Chrupalla für die rund 1.000 Gäste des Kreisverbands Rottweil-Tuttlingen.

Der "Rottweiler-Dialog" stellte die Frage, ob Deutschland als Nationalstaat gefährdet sei, und der Bonner Kultursoziologe und AfD-Politiker, Prof. Dr. Hans Neuhoff gab darauf eine Antwort: "Je diverser eine Bevölkerung ist, umso leichter ist die Auflösung des Nationalstaats." Was die praktische Ebene beträfe, nannte Neuhoff drei Gründe: Organisierte Kriminalität, Massenzuwanderung kulturfremder Religionen und das Wohlstandsgefälle mit Magnetwirkung, Themen, die den Menschen in der Stadthalle unter den Nägeln brannten, wie man am Beifall hören konnte.

Der AfD-Landtagsabgeordnete und Gastgeber des Abends, Emil Sänze hatte zuvor nach einem kurzen Heimatfilm über Rottweil in seiner Begrüßung tosenden Beifall erhalten als er ausrief: "Ihr seht, wo die Patrioten stehen, Zahltag ist die nächste Kommunalwahl." Dass sich Sonneberg auch im Westen wiederholen könnte, daran gab es für Sänze keinen Zweifel.

Rechtsanwalt Dr. Maximilian Krah, Mitglied des Europaparlaments für die AfD, forderte die Gäste in der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadthalle, ein Umstand, der bis vor wenigen Monaten so tief im Westen kaum möglich gewesen wäre, auf, sich von den Fesseln der politischen Korrektheit zu befreien, auch Krah erhielt donnernden Szenenapplaus. Nach seiner Überzeugung ist die AfD die Hoffnungspartei für Deutschland. "Wir erzählen Ihnen nicht, dass Ihre Söhne wieder an die Ostfront sollen, schlimm genug, dass Ihre Väter und Großväter dort gestorben sind." Der Sohn einer Sonderschullehrerin, diesen Umstand thematisierte Krah, versprach seinen Zuhörern im Hinblick auf elitäre grüne Eliten, dass die AfD auch die Schwächsten der Gesellschaft nicht zurücklassen würden.

Tino Chrupalla weiß, die AfD ist Volkspartei, und traf damit den Nerv der heimatverbundenen Patrioten in der Stadthalle, die von den Demonstranten auf dem Vorplatz als nationalistisch, völkisch und rassistisch bezeichnet werden. Die Polizei war mit einem Großaufgebot inklusive Reiterstaffel vor Ort, um die politischen Gegner der Veranstaltung auf Abstand zu halten, die bis auf einen kleinen Zwischenfall in der Halle friedlich verlief. "Aus Stuttgart wird Detroit, arm und abgewrackt", brachte der AfD-Frontmann Chrupalla ein Beispiel für den Niedergang der Autoindustrie aus den USA. "Wir müssen den Krieg gegen das Auto stoppen", so seine Botschaft. In seiner rasanten Rede sprach der Bundespolitiker auch von den Lügen der CDU, vom Heizungsgesetz und von der Verlogenheit der Bundesregierung- und will Öl und Gas wieder in Russland einkaufen. Chrupalla erntete dafür immer wieder langen Beifall, der nur noch ein klein bisschen getoppt wurde, als Björn Höcke die Bühne betrat.

Zweifelsohne ist der Thüringer-Landeschef der Star des Abends, und Björn Höcke weiß, was er seinen Fans schuldig ist. "Kauft nicht bei den Sonnebergern", das waren die Aufrufe der sogenannten etablierten Parteien gewesen, nach der gewonnen Landtagswahl von Dirk Sesselmann. Die genannten Parteien lieferten dem ehemaligen Lehrer mit derartigen Ausgrenzungen trefflich Stoff, um mit dem Finger auf sie zurück zu zeigen. Das sahen auch die AfD-Anhänger in der Rottweiler Stadthalle genauso wie der gebürtige Westfale, der seit langem in Thüringen lebt. "Nicht wir sind die Demokratiefeinde, sondern diejenigen, die an den Hebeln der Macht sitzen. Im Corona-Staat haben wir die hässliche Fratze eines totalitären Staates gesehen", rief Höcke und der Beifall war wieder groß.

In einer anschließenden Podiums-Runde stellten sich Landes-, Bundes- und Europapolitiker zum Gespräch mit ihrem interessierten Publikum, und man kann anschließend abschließen mit der Feststellung, dass ein aufgrund der verschiedenen Lager, die sich in der Stadt im Schwarzwald gegenüber standen, sehr emotional aufgeladenen Abend doch friedlich zu Ende ging. Bei all der Polemik die Politikern jeglicher Couleur zu eigen ist, und bei der AfD ist es die immer wieder heraufbeschworene Heimatliebe, die so gut in die närrische Hochburg Rottweil passte, suchte man offene Hetze und den im Qualitätsmedium zur Veranstaltung beschriebenen "Machtrausch" während der Veranstaltung vergeblich. Wohl aber ist man sich in der AfD dem deutlichen Aufwärtstrend bewusst- das lässt durchaus Raum für Spekulationen über zukünftigen "Machtgewinn".

Schauen Sie sich hierzu auch gerne das exklusive Interview mit Björn Höcke "Björn Höcke, AfD. Interview mit einem "friedfertigen Rechtsextremen"." an.

Lesen Sie, liebe stattzeitungs-Leserinnen und stattzeitungs-Leser hierzu gerne auch den s!!z-Kommentar "AfD, Weidel und Höcke? Ja was denn sonst?".

Bild: s!!z-Team
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