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William Toel, Weckruf oder Geschichtsklitterung?

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William Toel, Weckruf oder Geschichtsklitterung?
Bild: Stef Manzini
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William Toel streichelt die deutsche Seele und triggert sie, beides zugleich. Der amerikanische Professor ist nach Überlingen gekommen, um von der Fähigkeit der Deutschen, die Schönheit des Himmels auf die Erde zu holen, zu sprechen. Darin liege die Schöpferkraft und die Bedeutung des deutschen Volkes, sagt Toel. Er bewundert dessen enorme Leistungen, schwärmt von den deutschen Dichtern, der medizinischen Erfolge, der Architektur und der Ingenieurskunst. Obwohl diese Schwärmerei über die deutsche Größe üblicherweise negativ konnotiert ist, taten seine Worte den Zuhörern am vorvergangenen Samstag in einem Vortragssaal im Überlinger Umland sichtlich gut. Die fast therapeutisch klingenden Worte gesprochen von der schönen sonoren Stimme des Amerikaners erzielten ihre Wirkung beim Publikum. Man hörte Seufzer und sah zustimmendes Nicken. Nach seiner langen Aufzählung deutscher Tugenden und Leistungen ging Toel vom Schmeicheln in die Mahnung: Toel attestierte dem deutschen Volk kein gutes Verhältnis zu sich selbst zu haben, einen Mangel an Selbstliebe und zu wenig Selbstbewusstsein. Aus dieser Schwäche heraus resultiere die Unfähigkeit „Nein“ zu sagen und kritische Fragen zu stellen. Er nannte Beispiele wie die Flüchtlingswelle 2015, in der die Deutschen Angela Merkels Parole „Wir schaffen das“ weitgehend hingenommen hätten, obwohl die Gefahren und Folgen misslungener Integration an allen Ecken und Enden deutlich geworden seien. Die Zuwanderung von jungen Männern von überall her habe ein großes Sicherheitsrisiko mit sich gebracht. „Deutsche Parks sind nicht mehr sicher, Merkel hat euch belogen, es kamen eine Million junge Männer zu euch“, begründete er seine Thesen. William Toel attestiert den Deutschen im Ukraine-Krieg die Wiederholung ihrer Passivität. Wieder fehlten Fragen, wieder fehle ein entschiedenes Nein. In diesem Krieg sieht der Amerikaner die aktuell brennendste Situation, an der sich zeige, dass die Deutschen kritiklos und kleinlaut zu etwas Ja sagen würden, das überhaupt nicht in ihrem Interesse liege: Dies sei nicht der Krieg der Deutschen, und doch setzten sie den US-amerikanischen Kriegstreibern („Warmongers“) nichts entgegen. Vielmehr erlaubten sie es ihnen, die unzähligen US-Luftstützpunkte auf deutschem Territorium zu nutzen und unter anderem von dort aus einen Krieg gegen Russland zu befeuern. Einen Krieg, der die Vernichtung Russlands zum Ziel habe und Deutschland in große Gefahr bringe. Toel warnt: „Ihr habt diese Regierung gewählt, damit es den Bäumen besser geht, und nicht dafür, dass die euch jetzt in einen Krieg hineinziehen, der nicht euer Krieg ist“, so der Mann, der die Deutschen liebt und beschützen will, wie er sagt.

Warum William Toel so über die großartigen Deutschen redet, von der Zeit vor den beiden Weltkriegen und der Zeit danach, ihren Verdiensten in Medizin und Architektur und ihre quasi Vernichtung durch die Alliierten, ohne auf ihre Schuld an den Kriegen, den Holocaust und die Naziverbrechen zu sprechen zu kommen, dazu befragte stattzeitung.org ihn im anschließenden Gespräch.
Toel antwortete auf diese Fragen sinngemäß, er habe einen anderen Ansatz und eine andere Aufgabe. Er wisse natürlich von den Nazi-Verbrechen, aber er sei gekommen, um den Deutschen Mut zu machen und nicht, um über den Holocaust zu sprechen. Die Schuldfrage wurde und werde schon oft genug gestellt und zu den Millionen Toten der beiden Weltkriege, an denen viele Nationen eine Schuld trügen, kämen ja auch heute noch immer weitere Kriegstote hinzu. Ab wieviel Millionen Toten darf ein Volk nicht mehr heilen, ab sechs Millionen, acht Millionen, fragte Toel zurück. Es ist ihm wichtig zu erklären, dass die Deutschen keine Ausrede für ihr jetzige Handeln in der Vergangenheit suchen, also sich als ehemalige Täter nicht länger zu Opfern stilisieren sollten. Es wäre an der Zeit für Deutschland jetzt neue Orientierung zu suchen, erklärt William Toel. Seine Frau Lisa, die Toel auf seiner Tour begleitete, nickte zustimmend.

Immer wieder rekapitulierte Toel in seinem rund eineinhalbstündigen Vortrag auf die Zeit der beiden Weltkriege und das Ziel der Alliierten, die Deutschen danach und sogar damit kleinzuhalten, ja zu vernichten - ohne die Verbrechen der „Deutschen“ in diesen Kriegen auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen. Der Professor, wie er sich auch selbst nennt, thematisierte Schuld und Scham, welche die Deutschen seit 1945 fest im Griff hätten. Die Schuld der Großeltern und Urgroßeltern sei aber nicht die Schuld der heute lebenden Generationen, und doch laste sie noch immer als Trauma auf den Deutschen und lähme sie, mache sie kritik- und handlungsunfähig. Diese Lähmung lebendig zu halten sei Absicht der Alliierten, allen voran der USA und England, gewesen und sei es noch heute.

Sein Publikum, ein Bevölkerungsquerschnitt aus rund 100 Personen mit einem leichten Überhang an Frauen, die meisten über 50 Jahre alt, fühlte sich gut in dieser besonderen Therapiestunde für die deutsche Seele, es kamen keine Einwände, niemand verließ den Raum. Braucht es Menschen wie Toel, vorzugsweise sogar Amerikaner, die aussprechen dürfen, was ein Deutscher nicht aussprechen darf? Einen Fürsprecher, der ins Schwärmen gerät und mit leuchtenden Augen vom deutschen Volk und seiner besonderen Rolle in der Welt spricht? Und eben einmal nicht von seiner schrecklichen Vergangenheit und den Untaten der Väter und Vorväter? Tut das wirklich gut oder macht das frösteln? Nationalstolz, was für ein behaftetes Wort. Aber ja, das Publikum möchte stolz sein, möchte sich nicht mehr länger schämen, deshalb sind die Menschen gekommen. William Toel spricht von Liebe, genauer gesagt von Selbstliebe, als dem wichtigsten Aspekt zur Heilung von Schande und Schuld. Er will eben nicht mit erhobenem Finger und strafendem Blick in der Vergangenheit wühlen, um damit auch nicht die sowieso vorhandenen deutschen Schuldgefühle zu aktivieren. Darf man das? Richtig liegt er auf jeden Fall mit seiner Beurteilung der deutschen Seelenlage in dieser Beziehung, das beweist schon allein die vorherige Fragestellung. Darf man das? Toel tut es! Tatsächlich sind „Stolz“ und „deutsch“ Worte, die nicht zusammenpassen wollen - aber endlich sollen, das ist die erklärte Botschaft des Redners.

Etwas Natinalstolz war bereits während der Fußball-WM 2005 in Deutschland zu spüren. Beflaggte Autos in schwarz-rot-gold massenhaft. Die Atmosphäre in Berlin einmalig. Ein Fußball-Fest, die Straßen bunt in den Farben aller teilnehmenden Nationen. Kein deutscher Sieg und doch so gefeiert als ob. Nichts mehr zu spüren von dem befremdlichen Gefühl, im eigenen Land die eigene Fahne zu sehen, gar zu hissen. Toel geht weiter, viel weiter. Diesem Mann ist es nicht damit getan, sein Lieblingsvolk, wie er immer wieder lächelnd sagt, zum unbeschwerten Fähnchenschwenken aufzufordern. Er ermuntert seine Zuhörer, als die Mutigen im Land, endlich ihre Stimmen zu erheben und Nein zu sagen zu einem Krieg, in den Deutschland seiner Meinung nach gerade hineinschlittert. Vor allem sein Heimatland, die Vereinigten Staaten von Amerika, wolle Russland vernichten. Das sei das erklärte Kriegsziel, und dieser Krieg solle in Europa und vorzugsweise auf deutschem Boden ausgetragen werden, ist Toel überzeugt. Der 77-jährige Professor, der nach Angaben der Veranstalterin aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten durch die Bundesrepublik tourt, prophezeit den Deutschen eine gute Zukunft - aber auch noch neun Monate der Kümmernisse: „Ihr braucht gute Freunde in diesen Tagen, stärkt euch gegenseitig, denn es kommen schwere Zeiten“, so Toel eindringlich. Im Publikum wiederum viel Zustimmendes und, so scheint es, wissendes Kopfnicken.

Eine Frage aus dem Publikum, was es denn nun genau mit den nächsten neun schweren Monaten auf sich habe, beantwortet der „Deutschland-Liebhaber“ unklar. Seinem Publikum zugewandt, lächelnd und mit seiner Stimme, die an einen Soulsänger erinnert, sagt Toel sinngemäß: „Alles kommt zu seiner Zeit“. Die Zeit sei jetzt gekommen, in die Selbstentsprechung zu gehen, Schuldgefühle und Selbstmitleid abzustreifen, endlich das noch fehlende Puzzleteil auf der Weltkarte einzunehmen, das der Kraft und Stärke Deutschland zukomme, und damit die deutsche Seele zu heilen. Er sei nach Deutschland gekommen in einer Mission, den Deutschen zu helfen, sie zu heilen und sie zu beschützen, sagt der Professor.

Toel spricht immer wieder von Liebe, seine Sprache ist jedoch nicht sonderlich esoterisch, doch erklärt er, mit spirituellen Kräften in Verbindung zu stehen. Es sei an Migration grundsätzlich nichts auszusetzen, räumt der Amerikaner ein, sein Heimatland sei ein Vielvölkerstaat. Deutsche machten es jedoch Tunichtguten aus aller Herren Länder leicht einzuwandern, sie würden finanziert und beschenkt - und hätten doch mit Land, Leuten und Werten gar nichts am Hut. „Ihr wart das sicherste Land in Europa und heute gehen die Besten weg, weil es hier gefährlich ist, und eure Töchter können nicht mehr sicher durch einen Park gehen, klagt Toel. Denken einige, sagen wenige. Schubs in die rechte Ecke vorprogrammiert. Gehört William Toel da hin? Ein charmanter Verführer, der seinem Publikum, einem Querschnitt braver Mitbürger ohne Auffälligkeiten, Honig um den Mund schmiert, das dadurch gar nicht merkt, was er eigentlich im Schilde führt? Ja, was führt er denn im Schilde? In einer Zeit wie dieser suchen viele Menschen Halt und Führung. Ist das gefährlich? Ist Toel gefährlich? Der Mann, der selbst erklärt, dass er die Deutschen liebt, will uns angeblich dabei helfen, dass wir aufhören, ständig in den Schuld-Schuhen unserer Eltern herumzulaufen. Diese ganz bestimmten Schuhe im Schuhschrank zu wissen, dort stehenzulassen, gelegentlich anzuschauen, aber nicht ständig anzuziehen. Endlich damit anzufangen, die Selbstbestimmung eines mächtigen Staates zu leben, der eine große Wirtschaftskraft und eine großartige Vergangenheit hat, das will Toel erreichen, erklärt er. Uff, typisch deutsch – kriegen wir dabei etwa Schluckbeschwerden? Ginge es nach William Toel, so sollten wir die endlich runterschlucken. Warum? Weil das deutsche Sich-Kleinmachen niemandem helfe. Weil das deutsche Selbstmitleid und das Verharren in der Schuld der Vorfahren die Kraft ausbremse, die es für die Bewältigung der Gegenwart brauche, das ist die Überzeugung von William Toel, und die Überzeugung seines Publikums.

Ist das so? William Toel polarisiert, muss polarisieren. Wir fragen Sie liebe LeserIn:
Gehören Sie zu den Menschen, die in Toels Worten eine befreiende Wirkung sehen, auf die Sie möglicherweise schon lange gewartet haben - oder halten Sie den deutschen Patrioten, der doch ein Amerikaner ist, für einen gefährlichen Verführer, der schlechte Absichten verfolgt?

Bitte sagen Sie uns Ihre Meinung, und schreiben Sie uns Ihren Kommentar. Wir sind gespannt.

Zum Artikel ein Kommentar von Ruth Meishammer (Getriggert und getröstet – was macht William Toel mit mir?).

Lebenslauf von William Toel

Abgesehen von seinem Lebenslauf, weiß das Internet kaum etwas über William Toel, obwohl er zahlreiche einflussreiche Positionen innehatte. Laut MyLife wurde er am 21.10.1945 als William Henry Toel geboren und lebt aktuell in Pekin im US-Bundesstaat Illinois.

Er besitzt einen an der Bradley Universität erworbenen MBA und lehrt dort gegenwärtig als Teilzeit-Dozent “German Economic, Social & Political Models/Systems” im Business and Engineering Convergence Center. Er ist mit Lisa Maree Toel verheiratet, die mit 53 Jahren deutlich jünger ist als er selbst. Sein Lebenslauf spricht von einer bewegten Karriere, einen roten Faden gibt es aber nicht. Toel hatte sowohl eine akademische Karriere, als auch eine Karriere im internationalen Business, im Bankgeschäft sowie beim Militär. Neben der Bradley University hat er vermutlich an zahlreichen weiteren Universitäten gelehrt. Toel hat Vorlesungen an Universitäten in ganz Deutschland gehalten

Weiter heißt es in seiner Vita, dass er einer der jüngsten Hauptleute und Kompaniekommandanten war, die während des Vietnamkonflikts in der Armee dienten. Auch dies konnte im Netz nicht verifiziert werden, eine Anfrage beim US-Militär blieb leider unbeantwortet.

Im Jahr 2000 war Toel Zweitkandidat für den Senat der Vereinigten Staaten in Arizona, was verifiziert werden konnte. Toel arbeitete auch für eine international operierende Firma mit Namen “CPC International.” In seiner Vita heißt es, dass es sich um eine bedeutende und hoch angesehene Firma mit Niederlassungen in 45 Ländern handelt. Zudem war er der jüngste Präsident der damals zweitgrößten Bargeld-Getreide-Börse der Nation, dem Peoria Board of Trade (1977 bis 1978). Darüber hinaus leitete er erfolgreich einen Rat, in dem große internationale Firmen vertreten waren.

Von 1982 bis 1983 war er Mitglied des Vorstandes der Central Arizona Bank und von 1983 bis 1986 hatte er dieselbe Position bei der Guardian Bank in Arizona inne.

Von 1983 bis 1987 war er Direktor des Fakultätsvorstandes der University of Phoenix und 1998 war er Mentor des Arizona State University College of Business.

Im Februar 2012 war Toel aufgrund seiner 30-jährigen Deutschlanderfahrung und weil er als Experte des “Deutschen ökonomischen, politischen und sozialen Modells” gilt, zur German Conference über die “Angst of German Leadership” in Harvard eingeladen. 2013 moderierte er das World Affairs Council in Peoria, Illinois, und 2014 war er Gastdozent an der Freien Universität in Berlin.

stattzeitung.org verwendet als umfangreiche Quelle für die biografischen Angaben:
https://www.nomonoma.de/william-toel-heiliger-oder-internationalist/
https://www.williamtoel.de/

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