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Es gibt nichts Gutes…außer man tut es!

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Es gibt nichts Gutes…außer man tut es!

Irina und Roberto Di Nucci

Bild: Faust-Kumpanei
s!!z-kultur

Er ist nicht klein zu kriegen, dieser hoffende, suchende, liebende und leidende Mensch.
Dieser Wesenszug ist ihm eigen und wird es bleiben, solange es Menschen gibt wie diejenigen der Schauspieltruppe „Faust Kumpanei“, die ihr Herz in die Hand genommen und am Abend des 6. Mai 2022 im Glashus in Moos die Premiere von 3 Faustszenen auf die Bretter gestellt haben. Wie der Name der Kumpanei schon verrät, liegt ihnen Goethes Hauptwerk besonders am Herzen. Mann und Frau haben sich keine leichte Aufgabe gestellt.

Bereits die ersten Dialoge zeigen, dass die Darstellenden des „Pudels Kern“ aufspüren und offenbaren wollen. Weit entfernt von den effekthaschenden Zumutungen, mit welchen manchmal moderne Theaterinszenierungen das Publikum aufrütteln und aus dessen Lethargie befreien wollen, geht die Faustkumpanei hier in erfrischender Weise einen anderen Weg. Indem sie den Besucher daran erinnern, weshalb gerade dieses Werk stets an Aktualität gewinnt. Es behandelt die existenziellen Fragen des menschlichen Lebens, nämlich: welches ist der Urgrund, die Entstehung, der erste Anfang und der Sinn dieses Seins. Dieser Frage widmet sich der bemitleidenswerte Doktor Faustus mit jeder Faser seines Wesens, umzingelt von seinen Kolben, Phiolen und Büchern, der Sonne und frischen Luft entsagend, in seinem Studierzimmer um Erkenntnis ringend. Es ist wohl nicht nötig zu erwähnen, dass wir diese Fragen keineswegs beantwortet haben, sondern bestenfalls gelernt haben unsere Resignation mit vielfachen Ablenkungen zu lindern.
Die Faust Kumpanei hat die Szenen treffend ausgewählt. Wir erfahren ihn mitten in der Krisis seines Strebens, die Unzulänglichkeit seines angehäuften Wissens und seiner Methoden verfluchend. Und wir erfahren ihn in seiner Einsamkeit, die ihm bewusst wird, wenn er den Austausch mit dem gelehrten Freunde Wagner sucht, nur um festzustellen, dass dieser sich mit den Grenzen des Wissbaren der für diese Zeit geltenden Gelehrsamkeit nüchtern abfindet und jeden Versuch in neue Erfahrensbereiche vorzudringen als gefährliche Schwärmerei, auf neudeutsch Schwurbelei, verurteilt und es gar nicht soweit kommen lässt, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnen könnten.

Sein Bücherwissen bleibt ihm also stumm, der gelehrte Freund taub, Faust ist allein in seinem Zweifel. Spätestens jetzt ist der Zuschauer sich bewusst geworden, dass Faust nicht einfach nur da auf der Bühne agiert, sondern auf unterschiedliche Weise in allen Anwesenden wirksam ist und nicht nur er, sondern durchaus auch der gelehrte Wagner, sowie die zentrale Figur des Mephisto, der pünktlich in der größten Not erscheint und Faust sowohl all das verspricht, was die sinnlich weltlichen Lebensfreuden bieten, als auch die so sehr ersehnten geistigen Erfahrungen.

Am Ende sind jedoch Lüge, Illusion und ausschweifende Sinnlichkeit die kurzlebigen Arzneien des Mephisto. In dieser beschämenden Not zwischen der schwarzen und der roten Mephistofigur, zwischen dem materiellen Illusionismus und selbstsüchtiger Schwärmerei erkennen wir den Doktor Faust als Stellvertreter einer neuzeitlichen Gesellschaftsform, die unter der Unantastbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnis und einer immer größer werdenden Wohlstandsdekadenz leidet. Gerade weil in dieser Inszenierung auf aufwendige Requisiten verzichtet wird, tritt die besondere Leistung der Darsteller sozusagen ungeschminkt hervor. Allen Schauspielern gelingt es den Zuschauern auf fesselnde Art in die Thematik des Doktor Faust hineinzuziehen und vielleicht auch eigene Haltungen zu hinterfragen.

Umrahmt wurde das Stück von dem vertonten Gedicht Goethes: „Die Sonne tönt nach alter Weise“ wunderbar intoniert gesungen als Solo des Erzengels und im Chor der Theatergruppe. Dieses und die Drehleier gespielt nach Art der Moritatensänger von Gastgeber, Vorleser und Moderator Wolfgang Engelmann ließ eine besondere Atmosphäre entstehen, durch die man sich von Anfang an in die Zeit des Doktor Faust hineingeführt fühlte.

Vielleicht ist ja die Kunst ein Weg zu den schöpferischen Quellen des Daseins. Für die Darstellenden der Faust Kumpanei scheint es so zu sein. Durch die Kunst erfahren wir nicht nur Anderes aus Welt und Leben, sondern wir erfahren es auf andere Art. Deshalb ist die Arbeit dieser Initiative in unserer Zeit nicht hoch genug zu schätzen.

Weitere Vorstellungstermine:
25. und 26. Mai 2022 im Glashus Anschrift: Im Moosfeld 4 in 78345 Moos      
und am 7., 8. und 9. Juli 2022 im Unterbühlhof in 78337 Öhningen

Um Anmeldung wird gebeten:
Telefonisch bei Wolfgang Engelmann 07732-9413771
oder per Mail: w.engelmann@vermoegensakzente.de

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