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Mit Putin verhandeln ohne blinde Flecken
Interviewfragen an die Friedensregion Bodensee
Hier verraten zwei der sieben Vorstände der Friedensregion Bodensee ihre Ansichten zum Ukraine-Krieg und zu friedlichen Lösungen. Bernd Wipper (Arzt) aus Überlingen und Frieder Fahrbach (Systemischer Familientherapeut) aus Lindau zu klassischer Kriegslogik, dem „Rüstungs-Cluster“ am Bodensee und dem größten Potential eines Krieges. Gerne hätten wir die Antworten der Friedensregion um die Statements eines ansässigen Rüstungsunternehmens ergänzt. Die Rüstungsindustrie gerät ja aktuell aus der „Schmuddelecke“ in die Position des Heilsbringers. Leider lag bis zum Redaktionsschluss keine Antwort vor.
s!!z: 100 Milliarden Sonderausgaben für die Bundeswehr, Kanzler Scholz spricht von „Zeitenwende“, Außenministerin Annalena Baerbock und große Teile der Berliner Politik quer durch fast alle Fraktionen wollen schwere Waffen in die Ukraine liefern. Was sagen Sie als Friedensaktivisten dazu, gibt es kreativere Lösungen?
FF: „Das ist klassische Kriegslogik, keine Kreativität. Man will brennendes Öl mit brennendem Öl löschen“.
BW: „Kreativ wären für mich gewaltfreie Wege. Auch wir als friedensbewegte Menschen brauchen mehr Kreativität. Frieden fällt uns nicht einfach in den Schoß“.
s!!z: Warnen Sie also vor Waffenlieferungen auch im Ukraine-Krieg?
FF: „Das gilt erst recht für den Ukraine-Krieg, weil mit einer Beteiligung an diesem Krieg die Eskalation gesteigert wird bis hin zum 3. Weltkrieg. Diese Gefahr darf man nicht bagatellisieren, ein in die Enge getriebener Putin bedeutet, die Grausamkeiten nehmen noch zu“.
s!!z: Rund 1.000 Menschen haben in Bregenz am Ostermontag für Frieden demonstriert. Wie wirksam ist denn ein Friedenskreis als Konfliktlösung in einem Krieg in dem täglich Menschen sterben und Despoten agieren ?
BW: „Der Friedenskreis ist ja nur ein kleines Schräubchen, aber ohne graswurzeltätige Menschen gibt es ja auch keine Lösungen. Wenn es also überall Graswurzeln (Bewegung von unten, Anm. die Redaktion) gibt, dann kann das sehr wohl etwas bewegen. Wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung gewaltfrei aufstehen, könnten sie den Konflikt beenden“.
FF: „Die symbolischen Aktionen, also die Stimme der Gewaltfreiheit, muss auch gehört werden. Die Aufrüstung ist ein brandgefährlicher Weg, sie führt zur Verlängerung der humanitären und ökologischen Katastrophe. Wir sind ja nicht so naiv und glauben, dass wir in Bregenz auf dem Platz stehen und damit Putin beeindrucken. Wir dürfen aber im 21. Jahrhundert Konflikte nicht mehr mit den Methoden des Mittelalters lösen“.
s!!z: Warum beschreiben Sie den Ukraine-Krieg als komplexe Konfliktformation, ist es nicht klar, dass Russland die Ukraine überfallen hat?
FF: „Die Friedensbewegung muss weiter blicken in die Historie und friedenslogische Lösungen mit allen Beteiligten entwickeln.
s!!z: Sie bedauern das Aufgeben der Konzepte für ein europäisches Haus, das von Russland mitgetragen wird, stimmt das für Sie auch jetzt noch?
BW: „Ja, Putin bekam 2001 Beifall für seine Rede. Hier sollten wir wieder ansetzen und auf Augenhöhe mit ihm verhandeln“.
FF: „Und zwar ohne blinde Flecken“.
s!!z: Sollte die EU jetzt ein Angebot an die Ukraine auch betreffend der NATO-Mitgliedschaft machen?
BW: „Eine politische Lösung wäre ok, aber eine militärische wie zum Beispiel ein NATO-Beitritt wäre eine Eskalation statt einer Deeskalation. Eine Konfliktlösung muss heißen Stopp und Angebot“.
s!!z: Geht die globale Klimakrise gerade im Bombenhagel unter?
FF: „Krieg ist immer auch eine ökologische Katastrophe, die finanziellen Mittel, die hier eingesetzt werden, fehlen woanders. Eine Folge davon sind mehr klimagefährdende Energien wie Fracking-Gas. Da wäre grüner Wasserstoff aus Russland doch eine Alternative. Deswegen Waffenstillstand sofort“.
s!!z: Sind jetzt in puncto unserer Energieversorgung Saudi-Arabien und Katar die besseren Despoten als Putin?
BW: „Man möchte wohl den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“.
s!!z: Wie gefährdet ist denn bei über 40 Rüstungsbetrieben und -zulieferern die Bodenseeregion im Falle eines Krieges, der aus den Fugen gerät?
BW: „Wie Jürgen Grässlin bereits feststellte, ist die Bodenseeregion eines der dichtesten Rüstungs-Cluster und zwar europaweit. Denken wir an Diehl, die MTU stellt Getriebe für den Leopard-Panzer her, in Immenstaad werden Radaranlagen gefertigt, am Schweizer Ufer sitzt General Dynamics. Als ich vor 10 Jahren in die Bodenseeregion kam, stellte ich fest, dass es hier an Rüstung nur so wimmelt. Ich muss auch an das plattgemachte Friedrichshafen und an die Zwangsarbeiter der Rüstungsbetriebe in den Überlinger Stollen denken“.
s!!z: Herr Fahrbach, sie sind Systemischer Familientherapeut und Experte auf dem Gebiet Systemische Konfliktlösung. Anscheinend kommt die Lösung im Ukraine-Russland-Konflikt nicht in Gang. Sind sie also persönlich frustriert von dem, was gerade geschieht?
FF: „Ich bin einerseits sehr erschüttert, aber in den größten Krisen ist das Potential für Veränderungen auch am größten. Wir brauchen neue Konzepte zur Konfliktlösung. Bedenken wir, aus dem 2. Weltkrieg ist die UNO entstanden. Eine Dämonisierung Putins blockiert alle Lösungen, ohne ihn jetzt in Schutz nehmen zu wollen“.
Kontaktaufnahme möglich unter: info@friedensregion-bodensee.de
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