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Warum ausgerechnet Alice Weidel?
Ich lernte Alice Weidel 2016 auf einer Wahlkampfveranstaltung einer Lokalzeitung in Markdorf kennen. Und ich war auf Krawall gebürstet. Eine Lesbe, die in den Fußgängerzonen Flyer gegen „Gendergaga“ verteilte - und dann noch ihre Kandidatur und Mitgliedschaft in „dieser“ Partei, der „unmöglichen“ AfD. In Überlingen verunzierte man gar der Kandidatin auf ihren Wahlplakaten mit einem „Hitlerbärtchen“ ihr Gesicht. Ich konfrontierte Weidel am Rande der Veranstaltung mit meinen Fragen. Sie reagierte freundlich, sagte aber, dies könne sie so zwischen Tür und Angel nicht beantworten. Wir verabredeten ein Interview, das dann auch zeitnah stattfand. In der Redaktion stellte man anlässlich dieses Interviews dann Weidels Angaben zu ihrer Biografie in Frage. Also beispielsweise: „Alice Weidel sagt, sie hat da und dort studiert, Weidel gibt an, einen Doktortitel zu besitzen usw.“ Damit starb dann das Interview. Diese Finte konnte Alice Weidel nicht akzeptieren, sie musste das ablehnen. Ich hätte das auch getan. Die Tageszeitung, für die ich damals schrieb, hatte sich, wie damals in ganz Medien-Deutschland üblich, dazu entschlossen, über diese Partei nichts Positives zu berichten. Es gab aber nicht nur Negatives in den Ansichten von Alice Weidel. Also veröffentlichte man nichts; so stellte sich diese Haltung zumindest für mich dar. Die taz-Berlin veranstaltete 2019 sogar einen Workshop mit dem Titel „Lokaljournalismus und AfD“. Wie sollte man also journalistisch einer Partei begegnen, die von vornherein aufgrund ihrer rechtslastigen Positionen beispielsweise in der Flüchtlingskrise eigentlich grundsätzlich abgelehnt wurde - aber von einem Teil der Bevölkerung nun ja gewählt war und in die Parlamente einzog? Auch dieser Workshop, an dem ich teilnahm, konnte für mich keine abschließenden Antworten darauf geben.
Mein Interview mit Alice Weidel verschwand vor sechs Jahren mit allen Antworten auf meine Fragen in meiner Schublade. Ich hatte damals eine aufgeräumte, sehr kluge und freundliche Person kennengelernt, die große Ziele hatte. Einige ihrer Ansichten teilte ich durchaus, viele jedoch nicht. „Neonazis“ in der Partei AfD nicht nur zu tolerieren, sondern sie glasklar auch noch zu fördern, das ging und geht für mich gar nicht. Nun bin ich mittlerweile aber selber durch meine Haltung zur Corona-Impfung und meine Kritik an der Maßnahmen-Politik und der tendenziösen Berichterstattung in den Medien für manche JournalistenkollegInnen und einige meiner Mitmenschen zu „einer Rechten“ geworden - und stelle daher umso mehr Pauschalurteile in Frage.
Was Alice Weidel betraf, war meine journalistische Neugier geweckt. Einerseits eine empathische „Kümmerin“ und gleichzeitig eine aggressive Rednerin mit hartem Gesichtsausdruck, zu sehen live im Deutschen Bundestag. Was für eine kontroverse und interessante Persönlichkeit. Für eine „Rechte“ hielt ich Alice Weidel nie, wohl aber wusste sie, dass ich ihre politische Ausrichtung nicht teile. Für die Politikerin der AfD war ich jedoch auch ein Teil der Lügenpresse. Das hat uns beide jedoch nie gestört, wir konnten miteinander diskutieren. Da wollte ich dranbleiben. Über diese Ausnahmepersönlichkeit wollte ich ein Buch schreiben. Ich begleitete Alice Weidel deswegen 2017 in ihrem Bundestagwahlkampf in der hiesigen Region. Zu dem Buch kam es nie, weil mich ein persönlicher Schicksalsschlag vom Schreiben abhielt. Ich erlebte eine Seite der Politikerin, die sich um die Belange der Menschen, die sich an sie wandten, kümmerte. Ein Beispiel möchte ich anführen. Nach dem bis heute ungeklärten Tod der jungen Rettungsschwimmerin Isabelle Kellenberger, ich habe oft darüber berichtet, sie lag am 9. Juni 2016 tot am Bodenseeufer nahe der Überlinger Goldbachkapelle, führten ihre Eltern jahrelang einen Kampf um Aufklärung, denn sie glaubten nicht an einen Freitod ihrer Tochter. Kein Politiker, an den sie sich in ihrer Not wandten, half ihnen. Lothar Riebsamen, damals CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorgänger von Volker Mayer-Lay, war sogar in Herdwangen Nachbar der Familie Kellenberger-Hulin. Die Kinder waren zusammen zur Schule gegangen. Laut Karl-Heinz Hulin, dem Vater von Isabelle, lud der Politiker ihn zwar auf ein Bier ein, seine Bitte um nochmaliges Aufrollen des Falles durch die Behörden wies er zurück. Alice Weidel, zu der die Eltern Kontakt aufnahmen, veranlasste über Landespolitiker der AfD in Baden-Württemberg, das Nötige in die Wege zu leiten. Die Aktendeckel wurden, auch durch meine entsprechenden Presseanfragen, nochmals geöffnet. In Erinnerung bleibt die AfD-Politikerin den Eltern der toten Isabell als eine Politikerin, der das Schicksal ihrer Tochter nicht gleichgültig war, und die sich dadurch deutlich von anderen Politikern unterschied. Es ist gar nicht so einfach, in unserer Medienlandschaft solche Sätze zu schreiben, aber es ist die Wahrheit.
Auch mit Roland Kaim, dem Überlinger Krankenpfleger (stattzeitung.org berichtete zum Thema in Pflegeberufe kämpfen gegen Impfpflicht), steht Weidel weiterhin im Kontakt. Ein Treffen ist angedacht, aber noch nicht terminiert.
Überhaupt nicht verstehen konnte ich im Sommer 2017 auch die Reaktionen von Passanten und Menschen, die mich kennen, auf ein Kaffee-Gespräch hier an der Überlinger Promenade mit Frauke Petry (ehemalige AfD-Vorsitzende) und ihrem Ehemann Marcus Pretzell (ehemaliger AfD-Vorsitzender NRW). Aus rein beruflichem Interesse stellte ich meine Fragen und lernte zwei Menschen kennen, deren ablehnende Haltung zu „rechten“ Tendenzen innerhalb ihrer eigenen Partei ich durchaus bemerkenswert fand. Das breite Wissen der Chemikerin Petry und ihres Ehemannes, auch um historische Zusammenhänge, war enorm. Bereits während dieses 30 Minuten langen Gesprächs erhielt ich auf meinem Smartphone die ersten abfälligen Kommentare, wie ich mich denn zu „denen“ setzen könnte. Auf einen besonders heftigen Post reagierte ich und antwortete: „Roger Willemsen hat auch Yassier Arafat interviewt - ohne seine Ansichten zu teilen oder seine Taten zu verteidigen“. Beide Politiker, Petry und Pretzell, verließen bald nach, aber bestimmt nicht wegen, unserem Gespräch Ende 2017 die AfD.
In der aktuellen Pandemie-Situation seit rund zwei Jahren setzen sich die AfD und ihre Frontfrau Alice Weidel wie keine andere Partei gegen eine allgemeine oder einrichtungsbezogene Impfpflicht ein. Die AfD ist für einen Ausstieg aus der Zwangsgebührenordnung des Öffentlichen Rundfunks. Alice Weidel verurteilt den Krieg des russischen Präsidenten gegen die Ukraine auf das Allerschärfste, lehnt aber eine pauschale Stimmungsmache gegen Russen und alles Russische ab.
Dumm gelaufen für die Anderen.
Ich höre die Reden und Forderungen von Alice Weidel, für die Interessen der Impf- und Maßnahmen-Kritiker, ihre Brandreden im Deutschen Bundestag. Keine Grüne, Schwarze, Rote oder Gelbe PolitikerIn exponiert sich dazu kritisch. OK, auch Sahra Wagenknecht hat sich positioniert – leider aber ihre linke Partei, wie so oft, nicht hinter sich. Jedes Wort von Alice Weidel zur „Corona-Pandemie“ konnte ich bisher unterstreichen. Nur die Partei stimmt eben für mich nicht. Allerdings stimmen die anderen Parteien jetzt sogar gegen mich, mit ihrem Willen zur „Impfpflicht“ und all den Maßnahmen. Allen voran die Grünen. Die haben wir einmal groß gemacht, und jetzt müssen wir sie wieder abbauen. Jetzt sind grüne PolitikerInnen wie Katrin Göring-Eckardt und Daniel Cohn-Bendit die schlimmsten Hetzer gegen „Ungeimpfte“ und beschimpfen und beleidigen uns fast jeden Sonntag in den Talk-Shows zur besten Sendezeit. Das ist ein echtes Dilemma. Die Grünen unwählbar, weil sie einmal aus der Friedensbewegung hervorgingen und jetzt für Aufrüstung und Impfpflicht sind - und damit gegen die persönliche Freiheit in unserem Land, die anderen Parteien genauso ohne Glaubwürdigkeit in vielen Fragen, angefangen bei Kanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner und ihren Wortbrüchen bei der Impfpflicht.
Wenn morgen nochmal Wahl wäre? Ausgerechnet die AfD? Oh Gott, bloß nicht die AfD? Unwählbar? Stimmt das noch?
Wurden wir in puncto AfD womöglich bisher genauso belogen, einseitig informiert beziehungsweise desinformiert wie in vielen anderen Dingen, dann werfe ich meine Anfangsfrage jetzt zurück in Ihr Spielfeld, liebe Leser. Wer mich also noch fragen will, warum ausgerechnet Alice Weidel hier in der stattzeitung.org ein Exclusiv-Interview geben konnte? Dem kann ich antworten: „Wir sehen leider, warum die anderen noch nicht!“
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