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Was ist rechts?
Wenn Freunde aus alten linken Zeiten mich auf aktuelle Demos und Spaziergänge gegen die Corona-Maßnahmen ansprechen, die ich mitorganisiere, dann kommt früher oder später die Bemerkung: „Dann demonstrierst du jetzt also mit Rechten, mit Reichsbürgern und Nazis?!“ Dass mit letzterer Bezeichnung eine krasse Diffamierung im Raum steht, lasse ich erst einmal dahingestellt. Ich drücke ein Auge zu, ich weiß ja, was gemeint ist. Und ich möchte den Menschen Rede und Antwort stehen, die sich ernsthaft Sorgen um unsere Demokratie machen, weil sie glauben, dass Corona-Demos rechtsextrem unterwandert oder gar gesteuert sind.
Die Mehrheit der Corona-Demonstranten kommt aus dem links-alternativen Spektrum - das erschließt sich spontan jedem, der dort vorbeischaut. Die nächste Gelegenheit hierzu gibt es am kommenden Samstag, den 19. März von 14 bis 16 Uhr unter dem Motto "Wir sind die rote Linie" auf den Seesportplatz in Überlingen. Dass ich auf noch keiner Demo Menschen mit kahlrasiertem Schädel oder Springerstiefeln gesehen habe, heißt natürlich nichts. Ich habe allerdings auch weit und breit weder Reichskriegsflaggen, noch irgendwelche anderen verfassungsfeindlichen Symbole erkennen können. Kann ich ausschließen, dass da jemand dabei ist, der sein Kreuz bei der AfD gemacht hat oder sich vor Zuwanderern aus fremden Ländern fürchtet? Kann ich nicht. Das wäre vermessen. Es steht mir auch gar nicht zu und es ist für mich nicht die zentrale Frage. Wichtig ist mir: Dass niemand, mit dem ich demonstriere, Hass und Gewalt propagiert. Hass und Gewalt als Mittel der Problemlösung anzupreisen – das ist für mich ein typisches Merkmal rechtsradikalen Denkens. Überall wo Schuldige, wo Sündenböcke ausgemacht werden, da wird etwas verdreht, da wird ein Problem vereinfacht, das eigentlich komplexer ist. Eine einfache Lösung für ein kompliziertes Problem anzubieten, ist populär und populistisch. Rechtsradikales Denken ist ein Denken in Feindbildern, hinter denen der einzelne Mensch nicht mehr wahrgenommen und im schlimmsten Fall ent-menschlicht wird.
Ich bin der festen Überzeugung, dass hinter diesem Denken, ja hinter jeder Ideologie stets eigene Ängste, Sorgen und Nöte stehen. Diese sind immer legitim. Auch Wut ist legitim. Schwierig wird es, wenn der „Andere“, der Fremde und Feind als Grund für diese Ängste und als Zielscheibe für meine Wut herhalten muss. Besonders gefährlich wird es zumal, wenn ganze Gruppen zu Freunden oder Feinden erklärt werden. In extremer Form findet sich dieses Denken, dieses Propagieren und gar Ausagieren von Fremdenfeindlichkeit bei rechtsradikalen Gruppierungen. Aber eben nicht nur dort. Ich erlebe an mir selber und anderen ständig, wie schnell wir uns ein Feindbild machen und in den Kampf ziehen. In Zeiten wie diesen sowieso. Sind wir etwa alle rechtsradikal? In Situationen, in denen wir mit unseren Ängsten überfordert sind und uns ohnmächtig fühlen, vielleicht schon. Zumindest in Gedanken. Diese Gedanken sollten wir im Blick haben. Überall dort, wo Krieg in den Köpfen ausbricht und im nächsten Schritt verbal auf den „Feind“ eingedroschen wird, dort dürfen wir mit der Abrüstung beginnen.
Ruth Meishammer, geboren 1968 in Frankfurt am Main, studierte Literatur und Philosophie. Sie ist seit 1998 freie Journalistin und hat lange Jahre für verschiedene Hörfunkredaktionen der ARD gearbeitet und sich vor allem dem Thema Rechtsextremismus/rechte Gewalt gewidmet. Sie hat zahlreiche Interviews mit Anhängern und Aktivisten der rechten Szene geführt und hat 2003 das Buch „Weil die ohne Weiber gar nicht können“. Junge Frauen in der rechten Szene im Verlag Herder-Spektrum veröffentlicht.
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